Karfreitag 2.4.2021

Wir haben die Verhandlung vor dem Hohen Rat gehört. Lassen Sie uns Jesus weiterhin bis zu seinem Tod begleiten. Wir folgen dabei dem Markusevangelium, Kapitel 14,66-15,47.

Und sie führten ihn hinaus, dass sie ihn kreuzigten. 21Und zwangen einen, der vorüberging, Simon von Kyrene, der vom Feld kam, den Vater des Alexander und des Rufus, dass er ihm das Kreuz trage. 22Und sie brachten ihn zu der Stätte Golgatha, das heißt übersetzt: Schädelstätte. 23Und sie gaben ihm Myrrhe im Wein zu trinken; aber er nahm’s nicht.

24Und sie kreuzigten ihn. Und sie teilten seine Kleider und warfen das Los darum, wer was bekommen sollte. 25Und es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten. 26Und es stand geschrieben, welche Schuld man ihm gab, nämlich: Der König der Juden. 27Und sie kreuzigten mit ihm zwei Räuber, einen zu seiner Rechten und einen zu seiner Linken.

29Und die vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Ha, der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, 30hilf dir nun selber und steig herab vom Kreuz! 31Desgleichen verspotteten ihn auch die Hohenpriester untereinander samt den Schriftgelehrten und sprachen: Er hat andern geholfen und kann sich selber nicht helfen. 32Der Christus, der König von Israel, er steige nun vom Kreuz, damit wir sehen und glauben. Und die mit ihm gekreuzigt waren, schmähten ihn auch. 33Und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.

34Und zu der neunten Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? 35Und einige, die dabeistanden, als sie das hörten, sprachen sie: Siehe, er ruft den Elia. 36Da lief einer und füllte einen Schwamm mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr, gab ihm zu trinken und sprach: Halt, lasst uns sehen, ob Elia komme und ihn herabnehme! 37Aber Jesus schrie laut und verschied. 38Und der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. 39Der Hauptmann aber, der dabeistand, ihm gegenüber, und sah, dass er so verschied, sprach: Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!

 

Liebe Gemeinde

Nun ist es soweit. Jesus ist verhaftet. Wie er vorhergesagt hat, haben ihn alle seine Jünger verlassen. Sogar Petrus hat ihn verleugnet. Jesus steht allein vor dem Hohen Rat. Die brauchen nun eine hieb- und stichfeste Anklage gegen ihn. Sie fragen ihn, ob er der Messias sei – aber Jesus antwortet nicht mit einem klaren „Ja“, sondern mit einem „das sagst du“ und setzt noch eine Aussage drauf: der Menschensohn, der vom Himmel kommt, ist nicht nur ein politischer König, er ist Gott selbst, der kommt, um die Welt zu übernehmen. Kein Wunder, dass der Hohepriester sich vor Entsetzen die Kleider zerreißt und Jesus wegen Blasphemie anklagt. Jesus identifiziert sich mit Gott und auf Gotteslästerung steht die Todesstrafe. Aber der Hohe Rat hat nicht mehr das Recht, Todesstrafen zu vollziehen, und so brauchen sie das Urteil des römischen Statthalters.

Sie schicken Jesus zu Pilatus. Der kann mit Gotteslästerung nichts anfangen, und so lautet die Anklage, Jesus gebe sich als König der Juden aus. Das ist ganz eindeutig Hochverrat gegen den Kaiser, und für einen Nichtrömer ist die Strafe die Kreuzigung. Auf die Frage des Pilatus, ob er denn der Messias sei, antwortet Jesus wieder mit: „Das sagst du“ – denn eigentlich stimmt die Bezeichnung Messias nicht. Er ist ja so viel mehr. Mehr als ein König, mehr als ein Freiheitskämpfer, mehr als ein gerechter Richter. Er ist die Gegenwart Gottes bei den Schwachen, den Benachteiligten, den Unwürdigen, bei allen Menschen. Und danach äußert er sich gar nicht mehr zur Anklage. Der Hohe Rat will nicht verstehen, wer er ist, und Pilatus kann es nicht.

Historisch hatte Pilatus ganz sicher nichts dagegen, auf diese fadenscheinige Anklage hin einen Nichtrömer zu kreuzigen. Er wird in den Quellen als einfalls- und hemmungsloser Autokrat geschildert, der jede Bedrohung der Herrschaft Roms – und sei sie noch so vage – entschieden und gewaltsam zu beseitigen wusste. Und hier kam ein – aus seiner Sicht – gänzlich unbekannter religiöser Fanatiker und drohte, den religiösen Hexenkessel, den Jerusalem zu den Pilgerfesten darstellte, zum Überkochen zu bringen. Das konnte er nicht dulden, und so schickte er Jesus zum Kreuz. Aber zunächst musste er sicherstellen, dass diese Aktion nicht erst recht das Volk zum Aufruhr bewegte. Und so bot er ihm eine Wahl: den religiösen oder den politischen Aufrührer.

Und so fügen die Evangelien noch eine weitere Ebene der Verantwortung hinzu: nicht nur der Hohe Rat, auch nicht allein der römische Statthalter ist schuld am Tod Jesu. Es ist das ganze Volk. Denn Pilatus stellt es vor die Entscheidung Jesus zu begnadigen oder Barabbas, einen erwiesenen Terroristen. Und das Volk entscheidet sich für Barabbas. Das ist unendlich tragisch: Das Volk Israel liefert seinen eigenen König, seinen Retter an die fremden Herrscher der Welt aus.

Nur um sicher zu gehen, fragt Pilatus noch einmal, was er jetzt mit Jesus anstellen solle. Und das Volk schreit aus vollem Hals: „Kreuzige ihn!“ Noch vor 5 Tagen riefen sie „Hosianna dem Sohn Davids“ und nun das. Er ist nicht so, wie sie sich das gedacht haben, jetzt wo sie ihn live gesehen haben. Er ist kein charismatischer Krieger. Er ist kritisch. Er verweist die Menschen auf sich selbst und ihre eigene Verantwortung vor Gott und vor den Menschen. Das ist unbequem, denn er will keine blinde Begeisterung. Er will keinen Kadavergehorsam. Er will die Menschen ganz, mit Leib, Geist und Seele. Das können sie nicht gebrauchen. Und so wenden sie sich ab. Das Volk Gottes steht nicht zu dem Sohn Gottes. Und wir sind keinen Deut besser. Auch heute noch ist es so viel bequemer, blind zu folgen. Und das tun viele Menschen Und selbst wenn wir denken, wir seien so aufgeklärt und selbstständig, so viel vernünftiger als die Menschen früher, wenn uns der Gegenwind ins Gesicht bläst, knicken auch wir schnell ein und stehen nicht zu unseren Überzeugungen. Das zeigt sich auch zunehmend im Bezug auf die Kirche. Wie schwer ist es, heutzutage gegenüber Kirchenfernen und Kirchenkritikern an unsere Glauben an das Kreuz, an den Tod des Gottessohnes für unsere Sünden zu bekennen? Auch wir trauen uns nicht, zu Jesus zu stehen. Das Schicksal der Jünger sollte uns eine Warnung sein, zu denken, wir hätten anders gehandelt. Denn es sind nicht nur die Menschen, die damals in Jerusalem Jesus zum Tod verurteilt haben. So in der Masse mitzubrüllen liegt in der menschlichen Natur. Wir Menschen haben rein gar nichts zu unserer Rettung beizutragen, wir können nur im Nachhinein in Dankbarkeit für seine Liebe unser Bestes geben im Dienst an den Anderen. Und Gottes Liebe, die uns Menschen mit den Folgen unserer Fehler nicht allein lässt, gilt es zu verkündigen.

Jesus geht seinen Weg zum Kreuz allein, damals wie heute, von allen Menschen verlassen und verspottet, denn er ist eben nicht der erwartete politische Superstar, der Königsanwärter, als der er hingerichtet wird. Seine Macht geht noch über diese Erwartungen hinaus. Er spielt gar nicht nach den Regeln menschlicher Macht, er kehrt die Umstände auf ihren Kopf. Gott bricht mit unseren menschlichen Erwartungen an Erfolg und Leistung und stellt sich auf die Seite derer, die hoffnungslos scheitern.

Aber es bleibt nicht allein dabei, dass Jesus von allen Menschen im Stich gelassen dasteht. Die Evangelien schildern die Kreuzigung in Anlehnung an Psalm 22, den wir zu Beginn gebetet haben. Der Psalm beginnt mit den letzten Worten Jesu: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“. Tiefer geht die Verzweiflung nicht. Schritt für Schritt schildert der Psalm dieselben Erniedrigungen, wie die Passionsgeschichte, wie der Beter gefoltert wird und wie man um seine Kleider das Los wirft. Indem Jesus mit den Worten des Psalms sein Leben aushaucht, nimmt er den Schrei all derer auf sich, die sich nicht nur von den Menschen, sondern von Gott selbst im Stich gelassen fühlen, egal aus welchem Grund.

Aber indem der Sohn Gottes diese Worte spricht, verändert sich etwas für immer: von nun an ist der Sohn Gottes bei allen, die sich von Gott verlassen fühlen. Gott hat jede Trennung überwunden. Und es ist kein Zufall, dass der Psalm 22, der mit so radikalen Worten der Verzweiflung beginnt, mit einem strahlenden Lobpreis der Rettung durch Gott endet, mit der Hoffnung auf ewiges Leben und dass die ganze Welt vor Gott die Knie beugt. Indem Jesus die tiefste Verzweiflung auf sich genommen hat, hat er den Grund für die Hoffnung gelegt, die stärker ist als alle Angst. Auch wenn es nach außen nicht immer sichtbar ist. Gott ist Sieger. Das Leben ist stärker als der Tod. Gottes Liebe lässt sich nicht unterkriegen. Deswegen ist das Kreuz nicht nur ein Hinrichtungswerkzeug wie der Galgen, sondern ein Symbol der Hoffnung. Nicht nur eine verzweifelte Hoffnung, sondern die tragfähige Hoffnung auf die Überwindung von allem, was uns von Gott trennt. Versagen, Hoffen, Überwinden – das Dreieck, das uns durch diese Karwoche begleitet hat, stellt die Eckpfeiler unseres Glaubens dar. Egal, wie finster es auch scheint, egal, wie schwach wir uns fühlen – auch wenn es sich so anfühlt, als seien wir im Grab gefangen, und der Stein sei vor den Eingang gerollt, Gott ist immer bei uns und spricht: „Fürchte dich nicht! Ich bin auch hier bei dir.“

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ (Phil. 4,7)

(G:) Amen